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Frauen voran

Die Zeiten sind vorbei, in denen Feministinnen als frigide, humorlose Emanzen beschimpft wurden. Unter anderem wegen Menschen wie Cathrin Räber, die sich unermüdlich für die Anliegen, die Rechte und die Stärkung der Frau in der Gesellschaft engagieren. Dafür wird sie als «Bündnerin des Jahres» 2019 nominiert.

Kristina
Schmid
Freitag, 06. Dezember 2019, 04:30 Uhr Bündnerin des Jahres 2019
Cathrin Räber engagiert sich seit mehr als zehn Jahren für die Stärkung der Frauen in der Gesellschaft.
OLIVIA AEBLI-ITEM

Frau am Steuer, Ungeheuer. Cathrin Räber glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu können. Hatte das wirklich gerade jemand laut gesagt? In ihrem Kopf fing es an zu rattern. Bitte was? Wieso sollte eine Frau nicht Auto fahren? Wieso sollte nur ein Mann ans Steuer gehören? Machte das überhaupt alles einen Sinn?

Räber war gerade einmal zehn Jahre alt, als sie diesen Satz am Familientisch aufschnappte. Aber schon damals widerte er sie an. Sie verstand es nicht und wollte es nicht verstehen. Wer diese Aussage damals gemacht hatte, weiss sie heute nicht mehr. Aber jemand hatte es gesagt ­– und seither hat sie dieser eine Satz nicht mehr losgelassen. «Heute ist für Frauen vieles selbstverständlich, was früher eine Ausnahme war. Oder gar ausschliesslich Männern vorbehalten war», sagt Räber.

Es gab Zeiten, da waren Frauen am Steuer eine Seltenheit. Es gab Zeiten, da mussten Frauen ihre Männer um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten wollten. Und es gab Zeiten, da durften Frauen weder wählen noch abstimmen. Es war die Realität – heute kaum vorzustellen.

Laut, direkt und auf den Punkt

Räber ist heute Präsidentin der Frauenzentrale Graubünden. Und das seit nunmehr zehn Jahren. In dieser Zeit hat sich viel verändert. «Es ist viel passiert in den letzten Jahrzehnten», sagt Räber. Vor allem habe sich das Bild der Frau in der öffentlichen Wahrnehmung gewandelt. «Eine Frau ist nicht mehr nur potenzielle Ehefrau, Mutter oder Sexobjekt. Sie ist eine Frau.» Gleichstellung ist heute kein Schimpfwort mehr. Feminismus ist heute kein Schimpfwort mehr. «Es gab Zeiten, das wurde ich als humorlos bezeichnet, weil ich über einen sexistischen Frauenwitz nicht gelacht habe. Aber das hat nichts damit zu tun. Ich finde auch Schwulen-Witze nicht lustig», sagt Räber.

Humorlos ist Räber nicht. Sie lacht viel und immer laut heraus. Räber hat Humor. Und sie kann lachen. Aber eben nicht über flache Witze. «Und am schlimmsten sind die, die am Schluss noch beinahe entschuldigend anfügen, man dürfte das heute ja eigentlich nicht mehr sagen. Warum tust Du es dann? Warum?» Räber schüttelt den Kopf. «Ich sag das dann auch immer laut. Und das sollten alle Frauen tun. Und nicht verlegen lächeln, obwohl ihnen der Witz unangenehm ist.»

Räber war schon immer so. Schon immer hat sie ihre Meinung laut ausgesprochen. «Ich hatte schon immer eine grosse Klappe», sagt Räber und lacht erneut. Unter anderem deshalb haben sie die Frauen aus Valendas in den Schulrat gewählt. Und dann in den Gemeindevorstand, wo sie ausschliesslich mit Männern arbeitete. «Ich musste mir ihren Respekt erst erarbeiten. Und das tat ich, indem ich doppelt so viel arbeitete. Als ich die Leistung erbrachte, folgte die Anerkennung», sagt Räber. Sechs Jahre lang hat sie das durchgezogen. Dann war Schluss. «Ich wollte wieder mit Frauen arbeiten, mich mit Frauen umgeben.» Also ging sie zur Frauenzentrale, wo eine Stelle ausgeschrieben war – und verliess die Fachstelle seither nicht mehr.

Jemand, der gerne lacht, lacht viel

Räber ist Mutter zweier Kinder. Einer Tochter, die als kleines Mädchen niemals mit Puppen spielen wollte. «Und sie hatte eine. Ich hatte ihr höchstpersönlich eine geschenkt», sagt Räber. Aber ihre Tochter interessierte das «Bäbala» nicht. Das Mädchen verschlang lieber Bücher. Oder spielte im Garten. Oder malte. Heute ist das Mädchen eine erwachsene Frau Mitte 30, beruflich erfolgreich und bewusst ohne Kinder. Räbers Sohn war als Kind ein Junge, der Tausende Plüschtiere besass und sich niemals prügeln wollte. Etwas, das im Dorf alle Buben taten. Heute ist er 30 Jahre alt, arbeitet zu 80 Prozent und kümmert sich einen Tag in der Woche um sein eigenes Kind. «Und zuweilen sagt er, ich würde ihn mit meiner Gleichberechtigung nerven», sagt Räber und lacht.

Räber hat im Alter von 25 Jahren geheiratet. Damals schwer verliebt und mit der festen Überzeugung, die Liebe und Ehe würde für immer halten. Mit 27 Jahren wurde sie Mutter, mit 30 das zweite Mal. Zehn Jahre später war es mit dem für immer vorbei. Sie liess sich scheiden, aber ging im Guten mit ihrem Ex auseinander. «Wir verstehen uns heute besser als zu Zeiten unserer Ehe. Das sollte man wohl nicht sagen. Aber es ist die Wahrheit», sagt Räber und lacht erneut.

Räber selber ist das erste Kind ihrer Eltern, die ältere Schwester von zwei Brüdern. Sie sind drei Kinder, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Räber ist die Rebellin. Der eine Bruder angepasst. Und der andere Bruder ist das pure Gegenteil von Räber. «Er glaubt tatsächlich, dass inzwischen Männer diejenigen sind, die unterdrückt werden», sagt Räber. «Wir führen deshalb ziemlich intensive, leidenschaftliche und spannende Diskussionen», sagt Räber – und ja, wieder lacht die 61-Jährige.

Cathrin Räbers Appell an die jungen Frauen.

Das Zepter wird übergeben

Räber engagiert sich inzwischen seit 15 Jahren für die Anliegen der Frauen. Kämpft dafür, dass mehr Frauen in Politik und Wirtschaft vertreten sind. Unterstützt gemeinsam mit ihrem Team Frauen, die für den Grossen Rat oder Nationalrat kandidieren wollen. Und ist für alle Frauen, die Hilfe suchen. Mehr als 2000 Menschen haben allein im letzten Jahr im Kanton Graubünden das Beratungszentrum der Frauenzentrale aufgesucht, weil sie Hilfe brauchten oder Fragen hatten. Etwa zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder zu einer Scheidung. Ausserdem war sie stark daran beteiligt, dass der Frauenstreik in Graubünden diesen Sommer historische Ausmasse erreicht hatte. Räber engagiert sich hinter den Kulissen. Immer ruhig und unaufgeregt, aber unermüdlich. «Das geht nur, weil ich von der Sache mehr als überzeugt bin. Weil ich mein ganzes Herzblut und meine Leidenschaft da reinstecke», sagt Räber.

Lange wird sie das aber nicht mehr tun. Zumindest nicht in der Funktion als Präsidentin der Frauenzentrale Graubünden. 2023 wird sie pensioniert und übergibt das Zepter dann komplett ihrer Nachfolgerin, die bereits jetzt zu 20 Prozent angestellt ist. «Sie übernimmt die Leitung schrittweise. Sobald sie einen Bereich im Griff hat, übergebe ich ihr den nächsten. Bis zu meiner Pensionierung wird ihr die gesamte Leitung unterliegen.» Die frei werdende Zeit will Räber in ihr Reisebüro Movimaint investieren. Zurzeit hat sie so viel Zeit übrig, dass sie meistens zwei Trekking-Touren in Marokko und Rundreisen entlang der alten Seidenstrasse in China organisieren kann. Nun soll es weitere Länder und Reisen geben. «Darauf freue ich mich», sagt Räber.

Mann und Frau, Seite an Seite

Bevor es so weit ist, hat Räber noch einiges zu tun. «Auch wenn wir, verglichen mit 1970 etwa, so viel weiter sind in Sachen Gleichstellung und Gleichberechtigung, im Ziel sind wir noch nicht», sagt Räber. Noch immer verdienen Frauen für die gleiche Arbeit weniger. Noch immer sitzen weniger Frauen in den Chefetagen. Und noch immer – und darüber ärgert sich Räber am lautesten – ist die Frau in der Sprache nicht vertreten. Es steht viel zu oft nur die männliche Form. «Das nervt mich fürchterlich», sagt Räber. «Ich bin mittlerweile so weit, dass ich Verträge nicht mehr unterschreibe, wenn dort nur die männliche Form steht.» Will heissen: Mieter. Versicherungsnehmer. Abonnent. «Ich bin schliesslich Mieterin. Und Versicherungsnehmerin. Und Abonnentin.»

Es sind Details auf den ersten Blick. Aber für Räber bedeuten sie eine ganze Welt. Räber ist Feministin durch und durch. Das war sie nach eigenen Worten schon bevor sie wusste, dass es dieses Wort überhaupt gibt. Räber ist jemand, der stets nach Gerechtigkeit und Gleichheit sucht. «Ich bin nicht gegen Männer. Das wäre ja absurd. Wir brauchen sie.» Was Räber will, sind nicht weniger Männer. Was Räber will, sind mehr Frauen. Und zwar in all ihren Facetten und mit all ihren Stärken. «Frauen wird nachgesagt, sie seien emotionaler, gefühlvoller und empathischer. Weshalb sollten diese Eigenschaften nur in der Familie gut sein? Weshalb sollten diese Eigenschaften von Frauen nicht gerade im Geschäft von grossem Wert sein? Frauen sollten nicht wie Männer sein müssen, um an die Spitze zu kommen. Sie sollten so sein, wie sie sind. Und Fakt ist: Ein Unternehmen ist erfolgreicher, wenn es gleichermassen von Frauen und Männern geführt wird. Denn Frauen führen anders. Nicht besser, einfach anders. Und genau darum braucht es überall Männer und Frauen.»

«suedostschweiz.ch» stellt Euch diese Woche jeden Tag einen der fünf Nominierten vor, ehe es ab dem 9. Dezember ans Voten geht. Dann entscheidet Ihr mit Eurer Stimme, wer letztlich das Rennen als «Bündner/in des Jahres 2019» macht. Der Sieger oder die Siegerin wird am 16. Dezember bekannt gegeben.

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