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Ein Winter im Spitzensportler-Militär

Ein Winter im Spitzensportler-Militär

Südostschweiz
vor 1 Jahr in
UNFORGETTABLEWORLD

Spitzensport – für die meisten Athletinnen und Athleten bedeutet dies harte Arbeit, Entbehrungen und eine grosse Portion Leidenschaft. Im Format «Sportlerblog» schreiben junge Bündner Sporttalente über ihren Weg an die Spitze.

von Vital Albin*

18 Wochen ohne Training? Das wäre für Spitzensportler ein herber Rückschlag. Darum bietet das Militär uns die Möglichkeit, die Spitzensport-RS zu bestreiten. Mit grosser Freude erhielt ich vergangenen Sommer den Brief, dass ich diesen Winter diese RS absolvieren darf. Mit 41 anderen Sportlern (unter anderem drei andere Bündner) nahm ich diese Ende Oktober in der Kaserne in Wangen an der Aare in Angriff. Die meisten Gesichter waren mir noch unbekannt. Über den Körperbau oder andere Merkmale wie die Ringer-Ohren konnte man indes schon schnell ahnen, in welcher Sportart jemand tätig ist. Die Nachmittage hatten wir meistens zur Verfügung fürs Training. Sonst war der Tagesablauf wie im gewöhnlichen Militär und wir lernten die wichtigsten Sachen, militärische Umgangsformen, Pünktlichkeit, Zimmer- und Kleiderordnung, Sanitäts- und Feuerlöscher-Ausbildung (das Einzige, das ich persönlich als wichtig erachtet habe), sowie Marschübungen.

Nach diesen drei Wochen zügelten wir ins Sportzentrum Magglingen, wo wir bis Mitte März stationiert waren. Hier war das Leben schon um einiges angenehmer. Antrittsverlesen um 7 Uhr statt 05.30 Uhr; kein Tarnanzug mehr, sondern angenehme Trainerkleider; kein tägliches Schuheputzen; kleinere Zimmer (zu dritt statt zu zehnt); gewöhnliche Umgangsformen. Bis Weihnachten standen noch die Militärsportleiter-Ausbildung sowie einige sportspezifische Kurse auf dem Programm. Nach den Weihnachtsferien durften wir uns komplett auf das Training konzentrieren. Der einzige Pflichttermin war das Antrittsverlesen morgens um 7 Uhr.

Gran Canaria, Spanien und und Italien – während der RS

Da es für uns Velofahrer im winterlichen Magglingen recht unangenehm zu trainieren ist, verbrachten wir nach den Weihnachtsferien fünf der restlichen zehn Wochen im Süden: Gran Canaria, Spanien und Italien. Auch viele andere Sportler verbrachten viel Zeit an anderen Orten. An einem Tag waren sogar nur sechs von 42 Athleten in Magglingen anwesend.

Mein erster Wettkampf der Saison fand in Spanien in der Nähe von Valencia statt. Es war ein viertägiges Etappenrennen – das erste meiner Karriere. Wir mussten jeden Tag zwischen 50 und 85 Kilometer, vorwiegend im Gelände, bestreiten. Dafür brauchten die schnellsten Fahrer zwischen zwei und drei Stunden. Der Start war immer morgens um neun Uhr direkt am Meer. Es glich ein wenig einem Ausscheidungsfahren, die Spitzengruppe wurde im Verlaufe des Rennens immer kleiner bei meist relativ konstant hohem Tempo. Über 600 AthletInnen waren am Start. Ich beendete das Rennen auf dem erfreulichen vierten Platz und war stolz drauf, dass ich mit Vorbildern aus meiner Kindheit wie dem Franzosen Victor Koretzky mithalten konnte.

Kurz nach diesem Wettkampf wurde ich krank und konnte für zwei Wochen nicht mehr richtig trainieren. Das Kapital der Sportler ist der Körper, darum ist Krankheit ein grosser Rückschlag und auch psychisch belastend, da man schnell ins Zweifeln kommt, ob man die gesetzten Ziele noch erreichen kann.

In Sachen Leistungsdiagnostik ist Magglingen der ideale Ort – auch für Mountainbiker. KEYSTONE

Im November war es mit dem Training noch schwierig, da wir noch nicht den ganzen Tag zur Verfügung hatten, doch ab Dezember lief es hervorragend. Im Januar habe ich zum Beispiel 90 Stunden trainiert (Zeit in Bewegung: Joggen, Velo und Langlauf). Auch neben dem Velo war ich disziplinierter und konnte von der hervorragende Kantine in Magglingen, modernen Krafträume, Kontakt zu Spezialisten in allen sportrelevanten Gebieten und Massageangeboten profitieren.

Anfang März wurden leider aufgrund des Coronavirus alle geplanten Wettkämpfe abgesagt. Das war eine grosse Enttäuschung, da ich mich freute, erstmals meinen Trainingseinsatz unter Beweis zu stellen.

Die Spitzensport-RS war ein tolles Erlebnis, ich lernte viele andere Sportler kennen und bekam Einblick ins Militär und das Sportzentrum Magglingen. Doch aufgrund der RS und Trainingslager war ich diesen Winter fast nie zu Hause – nun freue ich mich auf eine wieder etwas ruhigere Zeit in Chur.

*Der Tersnauser Vital Albin ist eines der grössten Schweizer Mountainbike-Talente. 2019 wurde der 21-Jährige an den Weltmeisterschaften in der U23-Kategorie Dritter im Cross Country. Für «suedostschweiz.ch» gibt Euch Albin während der Saison 2020 Einblicke in das Leben eines Mountainbike-Profis.

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