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Hinter den Kulissen einer verletzten Athletin

Hinter den Kulissen einer verletzten Athletin

Südostschweiz
vor 1 Jahr in

Spitzensport – für die meisten Athletinnen und Athleten bedeutet dies harte Arbeit, Entbehrungen und eine grosse Portion Leidenschaft. Im Format «Sportlerblog» schreiben junge Bündner Sporttalente über ihren Weg an die Spitze.

von Luana Flütsch

Das Schweizer Speed Team, mittlerweile auch mein Team, feiert Erfolg um Erfolg. Was man sieht, sind geniale Fahrten und strahlende Gesichter im Ziel. Was man nicht sieht, ist alles, was dahinter steckt. Bei einer Verletzung ist man ganz weg vom Fokus, hat viel mehr Zeit mit sich selbst und das Umfeld ändert sich.

Wie ich mich Ende Jahr verletzte und wie ich damit umging

Statt Trainer sind nun Physiotherapeuten und Ärzte die Ansprechpersonen. Statt der Piste ist nun der Kraftraum das Zuhause. Es sind harte und lange Tage, zu Beginn oft auch mit wenig Abwechslung. Eine Rehabilitationsphase braucht meines Erachtens mehr Energie als ein Rennwinter. Das Reisen bleibt einem zwar erspart, jedoch ist die physische Arbeit viel umfangreicher. Tagein tagaus im Kraftraum, um schnellst möglich das gewünschte Niveau wieder zu erreichen und das auch an schönen, winterlichen Tagen, an denen sich alle auf die Pisten begeben. Das ist auch psychisch eine Herausforderung und eine Geduldsprobe zugleich.

Als von Natur aus positiver Mensch komme ich damit häufig gut klar, manchmal wird es aber doch etwas schwieriger. An Tagen, an denen man sieht, wie bis anhin ebenbürtige Konkurrentinnen den Sprung in den Weltcup oder sogar in die Top 15 schaffen, oder an Tagen, an denen meine Familie und mein Freundeskreis die schönsten Skitouren erleben und ich ehrgeizig und strikt meinem Trainingsplan im Kraftraum folge, solche Momente sind sehr hart. Doch die Erfahrung aus meinen früheren Verletzungen hilft mir hier und ich habe gelernt es zu akzeptieren, mich nur auf meinen Weg, meine Ziele, Herausforderungen und Probleme zu konzentrieren, dem Instinkt zu Vertrauen und niemals mit arbeiten aufzuhören.

«Man arbeitet auf diesen einen Moment hin, als wäre es ein Grossanlass. Irgendwie ist es das auch.»

Glücklicherweise bin ich ein sehr dankbarer Mensch und kann mich auch an den kleinsten Fortschritten sehr erfreuen. Beispielsweise das erste Mal das Knie strecken ohne Schmerzen, die ersten Versuche beim Seilspringen, oder die erste tiefe Kniebeuge. Die vielen kleinen Schritte sind wichtig und lassen mich stets extrem motiviert und positiv weiterarbeiten. Eine solche Verletzungsphase hat auch viel Spannendes, denn nie sonst arbeitet man so aufmerksam mit dem Körper zusammen wie hier, nie sonst wird jede einzelne Bewegung so kontrolliert und gezielt ausgeführt und die Reaktionen am Abend oder am nächsten Tag abgewartet. Die enge Arbeit mit der Physiotherapeutin ist hier nicht nur sehr wichtig, sondern matchentscheidend.

Die langen und harten Tage, die totale Freude über einen kleinen Fortschritt, ab und an auch einmal ein paar Tränen, all das läuft hinter den Kulissen und ausserhalb von jedem Fokus ab. Unendlich viele Stunden Arbeit, nur du mit dir selbst und doch tritt jede einzelne in den Hintergrund, sobald man wieder schmerzfrei Kurven in den Schnee ziehen kann. All das war es wert, um das zu machen, was man am liebsten macht: Skifahren. Man arbeitet auf diesen einen Moment hin, als wäre es ein Grossanlass. Irgendwie ist es das auch.

Viele Stunden harte Arbeit treten in den Hintergrund, sobald es zurück auf den Schnee geht. LUANA FLÜTSCH

Ich kann auch nach meinem vierten Aufbau aufgrund einer Verletzung sagen, dass Skifahren noch immer das absolut Grösste für mich ist. Die Sichtsweise hat sich jedoch ein bisschen verändert. Ich kann es endlich auch geniessen, über Rückschläge und Niederlagen hinwegsehen und es als Teil meines Wegs akzeptieren. Meinem Körper das nötige Vertrauen schenken und mit dem Alter und der Erfahrung wissen, was er braucht und was nicht. Mit 25 Jahren gehöre ich definitiv nicht mehr zu den Youngsters, doch spielt das Alter im Skirennsport glücklicherweise keine so grosse Rolle.

Durch meine doch sehr emotionale Art fühle ich Momente anders als viele; tiefer und stärker. Erfolge und Niederlagen im Sport, die Natur und der Winter schenken mir unglaublich intensive Gefühle. Ich fahre nicht nur Ski, sondern ich lebe den Skisport mit all seinen guten und schlechten Seiten. Das ist schön, sehr schön. Doch kann diese Eigenschaft auch kräftezehrend sein, denn auch die negativen Ereignisse sind intensiver. Diese Saison ist geprägt von ausserordentlich vielen Verletzungen und das nicht nur im Weltcup. Jedes Wochenende neue Hiobsbotschaften. Manchmal, wenn ich wieder lese, wie sich jemand schwer verletzt hat, dann nervt mich das und ich werde wütend, wütend auf den Skisport. Kurze Augenblicke in denen ich meine sonst so positive Art verliere und einfach nur traurig bin. Glücklicherweise sind es kurze Momente, sodass sich der Blick schnell wieder auf mich und nach vorne richtet, denn hat nicht jeder Beruf seine Schattenseiten?

Doch zurück zu den kleinen Freuden und Fortschritten: Mittlerweile das sechste Mal auf dem Schnee starte ich nun mit dem technischen Aufbau. Bis anhin war es mehr ein Belastungsaufbau auf Ski, zusammen mit der Physiotherapeutin. So konnte sich das Knie an die neuen Kräfte und Bewegungen auf den Skiern gewöhnen. Momentan im Engadin startet nun der technische Aufbau. Extrem motiviert, gesund und fit freue ich mich auf jeden einzelnen Schwung!

Luana Flütsch aus St. Antönien ist Skirennfahrerin im B-Kader von Swiss Ski. Während der Saison 2019/20 schreibt die 24-Jährige, die in ihrer bisherigen Karriere immer wieder durch Verletzungen ausgebremst worden war, über ihre Mission, sich im Weltcup zu etablieren.

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