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Die Passstrasse statt die Autobahn

Die Passstrasse statt die Autobahn

Südostschweiz
vor 1 Jahr in
PRESSEBILD

Spitzensport – für die meisten Athletinnen und Athleten bedeutet dies harte Arbeit, Entbehrungen und eine grosse Portion Leidenschaft. Im Format «Sportlerblog» schreiben junge Bündner Sporttalente über ihren Weg an die Spitze.

von Luana Flütsch

Genau in einem Moment der Unbeschwertheit, des Fliegens oder einfach des Geniessens holt es dich manchmal wieder ein. Statt mitten in meiner ersten richtigen Weltcupsaison zu stecken, am Start einer neuen Piste zu stehen und das Adrenalin im Ziel zu spüren, stehe ich in meiner vierten Rehabilitation. Nach einem Sturz im kanadischen Nakiska ging es wieder nach Hause anstatt nach Lake Louise. Die Diagnose: Teilriss des Kreuz- und Innenbandes plus eine Knochenprellung.

«Wie viel stärker muss ich noch werden?»

Was waren das für harte erste Tage nach dem Sturz, ein Emotionskarussell. «Man kommt immer stärker aus einer Verletzung zurück», heisst es. Das unterscheibe ich zu hundert Prozent, jedoch wie viel stärker muss ich noch werden? Eine Frage, auf die es keine direkte Antwort gibt.

Aufgrund des Entscheides gegen eine Operation konnte ich bereits in der ersten Woche der Reha schon wieder relativ gut trainieren, das war extrem wichtig und motivierend. Der Verlauf und die Fortschritte sind äusserst positiv, die Zeit absehbar.

Mein Instinkt leitet mich Tag ein Tag aus, er ist wie ein innerer Wecker, der Motor und Treibstoff zugleich. Viele fragen mich, weshalb ich stets so positiv bin, weshalb ich immer noch die Kraft habe um weiterzumachen? Die Antwort ist seit Beginn die gleiche: Ich vertraue meinem Instinkt – und dieser lässt mich weder zweifeln noch ob meiner Entscheidungen hadern. Noch nie während meiner Sportlerlaufbahn hatte ich richtige Zweifel an mir, meinem Können, oder meinem Weg. Nicht einmal am Tiefpunkt meiner Karriere. Deshalb fällt es mir leicht, die Motivation für eine erneute Rehabilitation zu finden, den ganzen Tag in Training und Physiotherapie zu investieren, sich an kleinen Fortschritten zu erfreuen, mit Rückschritten umzugehen und oft auch auf die Zähne zu beissen. Zudem war ich nie zuvor so nahe dran, was es auch nochmals etwas leichter macht.

Jeder Weg sieht anders aus

365 Tage Winter wären für mich auch völlig in Ordnung. Die kommenden Monate lösen in mir stets ein spezielles Gefühl aus. Deshalb kann ich es wirklich kaum erwarten, bis ich wieder auf dem Schnee stehe, sei das auf der Piste oder abseits mit den Tourenskis. Ohne Druck und ohne Stress, einfach wieder meine Schwünge in den Schnee ziehen, auf das freue ich mich extrem. Momentan gilt aber der volle Fokus dem Aufbau meines Knies. Das weitere Vorgehen auf dem Schnee werden wir dann Schritt für Schritt planen.

Kein Weg sieht gleich aus und so viele verschiedene führen ans Ziel. Das ist doch das Schöne am Leben, oder am Sport. Jeder zieht seine eigenen Schwünge, trägt seinen eigenen Rucksack mit sich, kämpft auf seine Art und alle zusammen verfolgen ihre Vision. Dass der Sport nicht immer fair ist, wissen wir. Sich zu hinterfragen hilft hier nichts. So ist er eben, der Sport, mit all seinen Facetten. Doch macht es nicht auch genau das so unglaublich spannend und aufregend? Natürlich wäre ich gerne mitten in der Rennsaison und kämpfte um jeden Hundertstel, natürlich wäre alles ohne Verletzungen einfacher und angenehmer gewesen und wäre doch die Autobahn die schnellere Option anstatt die Passstrasse. Aber all das hat mich geprägt und geformt in meiner Art und Weise, niemals sonst hätte ich so viel gelernt und wäre so gereift. So hat alles Vor- und Nachteile, doch bin ich dankbar für all diese extrem wertvollen Lektionen und nehme auch die bevorstehende Aufgabe gerne an!

Das Jahr ist noch nicht ganz vorbei, doch hat es bereits so einiges von mir abverlangt. Was für Emotionen, Höhenflüge und Rückschläge da dabei waren, unglaublich. Meine ersten Europacuppodeste, das erste Mal in die Top 30 im Weltcup geschafft und das bei meiner ersten Weltcupabfahrt. Der Aufstieg ins Weltcup-Speed-Team und zugleich die Berufsmatura erfolgreich abgeschlossen. Dann der Zwischenfall anfangs Juni auf den Tourenskis, zwölf Wochen Rehabilitation in Magglingen, erfolgreiches Comeback auf dem Schnee im September, gute und unbeschwerte Trainings auf den Gletschern und mein erster Trip nach Kanada, leider ohne Happy End …

Nun sitze ich da, schreibe zwischen einer Trainingspause meine Gefühle und Erlebnisse auf Papier, lächle, weil es draussen weiss ist und wünsche euch fröhliche und ruhige Festtage.

Luana

Luana Flütsch aus St. Antönien ist Skirennfahrerin im B-Kader von Swiss Ski. Während der Saison 2019/20 schreibt die 24-Jährige, die in ihrer bisherigen Karriere immer wieder durch Verletzungen ausgebremst worden war, über ihre Mission, sich im Weltcup zu etablieren.

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