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Die Fahrt von Glarus bis Näfels in Bild und Text

Die Fahrt von Glarus bis Näfels in Bild und Text

Die Corona-Edition der Näfelser Fahrt ist am Donnerstag über die Bühne gegangen. Alt Ratssekretär Jonas Schwitter erzählt von seinen Eindrücken. Fotograf Sasi Subramaniam zeigt seine Schnappschüsse.

Südostschweiz
vor 1 Monat in
Aus dem Leben

von Jonas Schwitter*

Der weltliche Zug formiert sich beim Zeughaus. Ehrenkompanie, Harmoniemusik – in geraden Jahren die Glarner, in ungeraden die Näfelser, in besonderen Gedächtnisjahren beide –, Tambouren, Kantonalsängerverein mit ihren Fahnen und weitere Fahrtsgängerinnen und Fahrtsgänger machen sich um 7.15 Uhr auf der für den motorisierten Verkehr gesperrten Landstrasse auf den Weg: in den Dörfern begleitet von Musik- oder Trommelklang, flatternden Fahnen und den Soldaten mit aufgesetztem Helm.

Begleitet von Glockengeläut, zieht zur gleichen Zeit die von den Pfarreien Glarus, Schwanden, Luchsingen und Linthal gebildete Prozession von der St. Fridolins-Kirche zum Sommerweg. Ihr werden je Kirchenfahne und Vortragskreuz vorausgetragen. An drei Orten sprechen die Teilnehmenden Gebete und gedenken der unter Verfolgung, Krieg und Unfreiheit Leidenden. Bei der Netstaler Dreikönigskirche werden sich jene von Netstal einreihen.

Beim dortigen Restaurant «Raben» verlassen viele Teilnehmende die Strasse. Sie gehen auf dem westlichen Fussweg weiter und zweigen zum Fuss des Unteren Büelbüchels ab. Die «Offiziellen» kommen von der Landstrasse hinzu; gemeinsam gedenken sie der am 15. Dezember 1941 im Aktivdienst hier bei einem Minenwerfer-Unglück umgekommenen vier Soldaten. Der Kommandant hält eine kurze Ansprache, an den daran erinnernden Stein wird ein Kranz angelehnt, «Alte Kameraden» intoniert und dann auf der vom Verkehr gesperrten Landstrasse weitergezogen.

Die Prozession tut dies auf einem kaum mehr wahrnehmbaren einstigen Landesfussweg. Für sie werden eine Brücke gelegt und zwischen Grundstücktrennmäuerchen Gatter geöffnet. Und da an diesem Tag der Zug Richtung Ziegelbrücke auf Höhe Schneisingen auf freiem Feld anhält, stossen von dort ebenfalls Fahrtsbesuchende hinzu. Die «Privaten» tun dies meist auf Wiesenwegen entlang des Bergfusses nach Schneisingen. Soldaten und Musikanten geniessen beim Stall an der Strasse gegenüber von Schneisingen eine Stärkung. Nach dem Eintreffen der Regierung – die zu ihr Gehörenden hatten etwas vor 8 Uhr in Glarus die Kutschen bestiegen – führen sie diese, angeführt von den in die Landesmäntel gekleideten Weibeln, gemessenen Schrittes und unter den Klängen der Musik über eine weitere auf gemauerten Fundamenten extra gelegten Brücke zum fahnengeschmückten Platz beim 1. Gedenkstein.

Der 1. Gedenkstein.
SASI SUBRAMANIAM

Dort ist inzwischen die Prozession des Unterlandes eingetroffen. In Näfels war zuvor ein Gedächtnis für die in eidgenössischen Kriegen Gefallenen gehalten worden, und seine Prozession hatte bei der Rauti die über den Niederberg Gekommenen aus Nieder- und Oberurnen begrüsst. Das taten sie dann auch mit jenen des hinteren Talbereichs, indem sie Kreuze und Fahnen aneinanderstiessen. Auch die Franziskaner sind vom Kloster her auf eigenem Weg angekommen; einer der Brüder trägt ihnen ein Holzkreuz voran.

Die Soldaten bilden Spalier, Absperr-Rechteck und zwei von ihnen stehen vor dem mithilfe fest installierter Punkte aufgerichteten Rednerpodest. Auf diesem halten abwechselnd Landammann oder Landesstatthalter die Ansprache, in der die Taten von 1388 und der gegenwärtigen Zeit aufzuzeigen sind. Sie war gestern Donnerstag bei der Übertragung aus der Kirche zu hören. Am Originalschauplatz zeugen einzig Fahnen davon, dass er ein besonderer Ort ist.

Nach diesem von Gesang und Musik umrahmten Teil geht der weltliche Zug an den Gedenksteinen vorbei – dessen 4. erneut zugemüllt ist und ausgerechnet an dem darum gebetet wird, dass «Ausdauer Frucht bringe». Dann geht es über die dritte, nur für die Fahrt gelegte Brücke am 5. Gedenkstein vorbei zum Fahrtsplatz.

Die Prozession verrichtet bei den Gedenksteinen Gebete, während denen das Klosterglöcklein achtungsvoll schweigt; der im Glockentürmchen kauernde Glöckner vermag diesen Zug zu überblicken! Auffallen mag die unterschiedliche Art der Züge. Beim weltlichen gehen die Ranghöchsten zuvorderst – beim kirchlichen wird der Wichtigste in der Mitte herangeführt: die in Landesmäntel gehüllten Träger und Trägerinnen der neun Kirchenfahnen und der acht Kreuze, die bescheidenen Franziskaner, die Priester und schliesslich der Pfarrer von Glarus oder allenfalls der Bischof und danach das Volk.

Auf dem Fahrtsplatz, beim 6. Gedenkstein, wo der Kampf am schrecklichsten getobt hat, werden der uralte Fahrtsbrief verlesen, die Predigt gehalten – abwechselnd reformiert/katholisch – musiziert und gemeinsam «Grosser Gott wir loben Dich» gesungen. Dem Prediger steht der Sigrist von katholisch Glarus auf der Kanzel zur Seite. Bei sehr schlechtem Wetter wird direkt weitergezogen, und Brieflesung sowie Predigt erfolgen in der Kirche. Heuer verwiesen wenigstens die Fahnen auf die hervorragende Bedeutung dieses Ortes.

Franziskaner mit Holzkreuz.
SASI SUBRAMANIAM

Unter dem Geläute der Kirche geht es weiter den Gedenksteinen nach, teils durch Privatgrundstücke zum Denkmal. Es steht beim 10. Gedenkstein vor der alten Letzi, auf die eine Rekonstruktion samt Informationstafel verweist. Den Bau zum 500-Jahr-Gedenken ermöglichte erst die Furcht vor der geforderten ausserordentlichen Landsgemeinde! Während den Vorträgen von Harmoniemusik und Kantonalsängerverein sowie dem gemeinsamen Singen der Landeshymne schweigen die Glocken.

Der Zug geht – wieder unter Glockengeläut – zum 11. Gedenkstein, ehe er in die Kirche einzieht, in der das von geistlicher Musik umrahmte feierliche Hochamt gehalten wird. Nach dem Einzug der inzwischen in ihre Ornate gekleideten Priester und Ministranten in die Kirche wird die Ehrenkompanie entlassen. Nach der Messe begleiteten bisher üblicherweise Harmoniemusik und Tambouren die Regierung zum Hotel «Schwert», vor dem sie ihr Können präsentierten und die «Offiziellen» das Festmahl genossen. Übrigens: Der Freulerpalast vis-à-vis gewährt Gratis-Eintritt.

Schliesslich besucht die Regierung die Kirche von Mollis; dort wurden jene Eidgenossen bestattet, «die an der Schlacht umkommen und verloren worden sind». Nach dem gedenkenden Zuhören von Musikvorträgen – an der Brüstung der Orgelempore sind die Namen der Gefallenen zu lesen – erfolgt die Rückkehr in den Kutschen nach Glarus.

Die Fahrt: eine gänzlich offene, umfassende Feier, die Freiheit und Frieden symbolisiert! Alle können teilnehmen, wie und so lange und auf welchem Weg auch immer; weltliche, evangelische, katholische, militärische Präsenz, politische Rede und christliche Predigt, Gebet, Musik, Gesang, Kopf und Herz und statt Hand wenigstens Bein beteiligt! Seit 1389 – mit Ausnahme im Jahr 2020 – zumindest vom katholischen Landesteil ununterbrochen gefeiertes Zusammenkommen – und gestern Donnerstag dank modernster Möglichkeiten nur, aber immerhin, virtuell.

* Josef Schwitter ist alt Ratssekretär und ehemaliger Fahrtsbrief-Leser.

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