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«Die weiter geöffnete Türe macht es nicht leichter»

Alexis Pinturault gilt als erster Anwärter auf die Nachfolge von Marcel Hirscher als Gesamtweltcup-Sieger. Wie zuvor der Österreicher ist neuerdings auch der Franzose mit einem Privat-Team unterwegs.

Agentur
sda
Freitag, 06. Dezember 2019, 13:49 Uhr Ski alpin
Alexis Pinturault wird als erster Anwärter auf den Sieg im Gesamtweltcup gehandelt
Alexis Pinturault wird als erster Anwärter auf den Sieg im Gesamtweltcup gehandelt
KEYSTONE/EPA/CHRISTIAN BRUNA

Wenn es um den Gesamtsieg im Weltcup der Männer ging, war die Grande Nation schon lange nicht mehr gross. Als letzter Franzose hatte Luc Alphand vor knapp 23 Jahren die grosse Kristallkugel gewonnen. Der 28-jährige Pinturault weiss nach Hirschers Rücktritt um seine gestiegene Chance. Die Rolle des grossen Favoriten weist der Kombinations-Weltmeister aber von sich.

Alexis Pinturault, können wir uns auf deutsch unterhalten? Sie sind ja daran, die Sprache zu lernen.

«Lieber nicht. So gut ist mein Deutsch noch nicht. Sprechen wir also französisch.»

Einverstanden. Sie haben die letzte Saison als Zweiter im Weltcup-Gesamtklassement hinter Marcel Hirscher abgeschlossen. Hirscher ist nicht mehr dabei, also werden Sie als erster Anwärter auf die grosse Kristallkugel gehandelt.

«Ich bin nicht der grosse Favorit. Ich gewann zwar den Kombinations-Weltcup, war aber weder in der Slalom- noch in der Riesenslalom-Wertung Zweiter. Um die grosse Kugel zu holen, muss ich mein Niveau im Riesenslalom weiter steigern und im Slalom wieder zur Konstanz des letzten Winters finden.»

Den ersten Riesenslalom der Saison in Sölden hat Pinturault gewonnen. Im bisher einzigen Slalom des Winters in Levi hat er aber mit der verpassten Qualifikation für den zweiten Lauf eine grosse Enttäuschung hinnehmen müssen.

Nach Hirschers Rücktritt ist die Türe aber offener als zuvor.

«Die Türe ist weiter geöffnet, ja. Aber das heisst nicht, dass es leichter wird. Die Schwierigkeit ist, sich selber zu bleiben, sich nicht ablenken zu lassen und an jedem Wochenende die Leistung abzurufen, die ich von mir erwarte.»

Wie sieht Ihr Wettkampfprogramm im Detail aus?

«Das ist in etwa das gleiche wie im letzten Winter. Ich konzentriere mich auf den Riesenslalom und den Slalom. Dazu kommen die Kombinations-Wettkämpfe und vereinzelte Super-G. Im Super-G bin ich nur dort dabei, wo ich die Chance sehe, Weltcup-Punkte zu gewinnen beziehungsweise wo es sich mit meinen sonstigen Einsätzen vereinbaren lässt. Starts habe ich hier in Beaver Creek, in Kitzbühel und in Hinterstoder vorgesehen.»

Pinturault bestreitet seit drei Jahren nur noch ausgesuchte Super-G. Das volle Programm hatte seine Leistungen im Slalom beeinflusst. Seit dem vergangenen Winter gehört er im Slalom wieder zu den Besten. Sein letzter Sieg in dieser Disziplin liegt allerdings fast sechs Jahre zurück.

Sie haben Ihr Umfeld optimiert. Seit dieser Saison sind Sie mit einem eigenen Team unterwegs.

«Die eigene Equipe hat praktische Gründe. Für alle Fahrerinnen und Fahrer, die in den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren den Gesamtweltcup gewonnen haben, war der Aufwand gewaltig und der Kalender kompliziert. Da ist Anpassung gefordert, was unweigerlich zu einem auf die eigenen Verhältnisse zugeschnittenen Programm und damit zum Privatteam führt.»

Haupttrainer im Team Pinturault ist Fabien Munier, der zuletzt im französischen Skiverband für die Gruppe der Kombinierer verantwortlich war. Munier wird assistiert von Nicolas Thoule, einem weiteren Franzosen. Im Konditions- und Kraftbereich arbeitet Pinturault mit dem deutschen Sportwissenschaftler Martin Hager zusammen, als Servicemann steht ihm der Vorarlberger Guntram Mathis zur Seite. Der in das Spitzensport-Projekt von Red Bull integrierte Hager hatte früher neben vielen anderen Lindsey Vonn betreut, Mathis war unter anderen für Bode Miller tätig gewesen.

Bei Hirscher und auch bei Henrik Kristoffersen, der seit dieser Saison ebenfalls mit eigenem Team unterwegs ist, hatte beziehungsweise hat der Vater entscheidenden Einfluss auf die Karriere. Wie ist Ihr Vater in den Rennsport eingebunden?

«Mein Vater ist mittlerweile mein Manager. Er kümmert sich um meine Verträge. Weil sich meine Schwester jetzt mehr in unserem Hotel einbringt, hat er auch mehr Zeit, um bei den Rennen vor Ort zu sein.»

Claude Pinturault ist Besitzer des Fünf-Sterne-Hotels «Annapurna» in Courchevel in Savoyen.

Zum perfekten Umfeld gehört auch, dass Sie den Winter über in Altenmarkt im Salzburgerland wohnen.

«Wenn ich auch den Winter über in Frankreich wohne, sind die meisten Weltcup-Orte in Europa weit entfernt. Das heisst, dass ich den Winter praktisch im Hotel verbringen würde. Dank der Lösung Altenmarkt habe ich die Möglichkeit, zwischen den Rennen 'nach Hause' zu gehen, dort bei besten Bedingungen zu trainieren und vor allem auch mich zu erholen.»

Pinturault wohnt seit drei Jahren jeweils im Winter in Österreich. Seinen Hauptwohnsitz hat er nach wie vor in Annecy.

In Altenmarkt hat die Skifirma Atomic Ihren Hauptsitz.

«Das ist speziell. Unsere Wohnung liegt nur fünfhundert Meter vom Firmengelände entfernt. Ein Ausrüsterwechsel ist für mich aber kein Thema.»

Pinturault steht seit fünf Jahren und seinem Wechsel von Salomon bei Head unter Vertrag.

Sie haben auch versucht, in Radstadt in der Nähe von Altenmarkt eine Wohnung zu kaufen.

«Das Vorhaben scheiterte an dem für Ausländer in Österreich geltenden Gesetz. Weil ich meinen Hauptwohnsitz weiterhin in Frankreich habe und dort Steuern zahle, war der Kauf nicht möglich.»

Zurück zum Skirennsport. Ihre Position im Kampf um den Gesamtweltcup wird durch den Entscheid der FIS gestärkt, die Kombination im Kalender zu belassen.

«Natürlich habe ich mich gefreut, dass wir weiterhin Kombinationen im Programm haben.»

Dass der eine Wettkampfteil aus einem Super-G und nicht mehr aus einer Abfahrt besteht, kommt Ihnen ebenfalls entgegen.

«Dieser Wechsel ist nicht so entscheidend, obwohl ich durch die wegfallenden Abfahrtstrainings einige Tage einsparen kann. Bedeutender dürfte die neue Weisung für die Startreihenfolge im Slalom sein. Sie kommt vor allem den Speed-Fahrern entgegen.»

Ab dieser Saison ist die Startliste für den Slalom mit dem Klassement des Super-G identisch. Von einer Umkehrung der ersten 30 der Rangliste wird also abgesehen.

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