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Leserbrief

Erinnerung an Weihnachten vor 70 Jahren in Chur

Reto Hassler, Chur
06. Dezember 2019, 18:28:36

Während der Suche nach irgendetwas fiel mir das handgeschriebene Gedicht aus meiner Schulzeit Ende der Vierzigerjahre in die Hände. Beim Lesen desselben fühlte ich mich plötzlich in die damalige Zeit zurückversetzt: Nach dem Schulunterricht im Nicolai- oder Grabenschulhaus rannten wir zum Globus Kornplatz ins obere Stockwerk und bestaunten die elektrische Eisenbahn, welche ihre Runden drehte. Ein andermal war der Andreasmarkt Anziehungspunkt. Dieser war derart faszinierend, dass ich mich vergass und zu spät in der Schule erschien. Zum Glück hatte ich einen verständnisvollen und offenbar auch einfühlsamen Lehrer, denn es gab keine Strafe. Kurzum, es war eine unbeschwerte und glückliche Zeit, die ich erleben durfte.

Das folgende Gedicht, welches in der alten Zeit von Unbekannt verfasst wurde, erinnert an die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens und mir scheint, dass in der Realität, bezogen auf die heutige Zeit, sich nichts verändert hat:

Was für ein fröhlich Tun und Treiben am Weihnachtsmarkt bis in die Nacht.
Wie funkeln durch erhellte Scheiben, der schönen Waren bunte Pracht.
Wer kaufen will muss heut noch laufen, dass er den Christbaum schmücken mag.
Wer feil hat, muss noch heut verkaufen, denn morgen ist Bescherungstag.

Doch sieh, wie mit betrübten Blicken, dort an der Ecke frosterstarrt,
Vom nahen Gaslicht hell beschienen, ein Knabe noch des Käufers harrt.
Er hat den Christbaum selbst geschnitten, mit saurer Müh im Tannenwald,
Sein schüchtern Auge scheint zu bitten; ach, kauft mir ab, die Nacht ist kalt.
Kauft ab, ihr könnt so lustig lachen, ihr habt das Glück und ich die Not.
Was soll ich mit dem Christbaum machen? Die Mutter krank, der Vater tot.

Doch sieh, da kommt mit muntern Schritten in Sametpelz und Federhut
Die schöne Mutter in der Mitte; ein Kinderpärchen wohlgemut.
Oh Mutter, sieh den Baum des Knaben, der wär für uns doch eben recht!

Die schöne Mutter zahlt in Eile, dem Knaben sein Vierbatzenstück.
Er dankt und schaut noch eine Weile den frohen nach mit trübem Blick.
Wie wird sein Christbaum morgen funkeln im fremden Haus, im Kerzenschein.
Und ach, im Kämmerlein, im Dunkeln; wie still wird seine Wohnung sein?

Drum Kinder, wenn bekränzt mit Gaben euch euer Christbaum fröhlich brennt,
Denkt, ob ihr nicht den bleichen Knaben und seine kranke Mutter kennt!
Und geht, und trocknet ihm die Wangen und lernet von dem heil‘gen Christ:
Dass zwar vergnüglich das Empfangen, doch seliger das Geben ist.

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