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Trotz Virus sind die Arztpraxen leer

Es klingt komisch: Die Arztpraxen in der Region sind trotz des Coronavirus-Alarms wie leer gefegt. Weil Einnahmen wegfallen, beantragen Mediziner Kurzarbeit und Kredite.

Christine
Schibschid
Donnerstag, 02. April 2020, 19:39 Uhr Flaute beim Arzt
Hausarzt Clemens Niemann in seiner leeren Praxis
BILD MARKUS TIMO RÜEGG

Nur eine Handvoll Patienten kommt derzeit pro Tag in die Praxis von Hausarzt Clemens Niemann in Uznach. Vor einigen Wochen waren es noch 30 bis 40 am Tag. Wegen des Coronavirus machen viele lieber einen grossen Bogen um die Arztpraxen. Aber auch Niemann verschiebt Untersuchungen, die nicht dringend notwendig sind. Er sagt Patienten ab, die zur Corona-Risikogruppe gehören. Das bleibt nicht ohne wirtschaftliche Folgen: «Der Betrieb Arztpraxis mit normaler Sprechstunde funktioniert derzeit nicht», sagt Niemann, der auch Präsident des Hausarztvereins Linthgebiet ist. Er macht derzeit viele Telefonberatungen, hat jedoch für seine Mitarbeiter inzwischen Kurzarbeit angemeldet.

Besonders Facharztpraxen leiden

Den Antrag auf Kurzarbeit wird auch Holger Hänsch einreichen. Er ist Hausarzt in Gommiswald und Präsident des medizinischen Vereins Linthgebiet, der anders als der Hausärzteverein auch die Spezialisten und Spitalärzte vertritt. Um über die Runden zu kommen, wolle er auch einen Liquiditätskredit beantragen, sagt Hänsch. Er wisse von mehreren Kollegen in der Region, die Kurzarbeit angemeldet hätten. «Facharztpraxen leiden noch mehr als die Hausärzte. Da sich viele Termine beim Spezialisten zunächst aufschieben lassen, sind die Praxen teilweise leer und im Notbetrieb.»

An sich finden es die beiden Mediziner nicht verkehrt, dass derzeit nicht jeder mit jedem Problem gleich zum Arzt geht. «Es ist oft keine schlechte Idee, etwas abzuwarten, wie sich ein Problem entwickelt. Manchmal hilft auch die Hausapotheke», sagt Niemann. Kinderärzte im Hausarztverein berichteten etwa, dass in diesen Tagen erst einmal die Grossmutter um Rat gefragt werde, wenn ein Kind Fieber habe. Es müsse nicht sofort einen Arzt sehen. «Vielleicht ist das für die Leute auch eine Lernerfahrung.»

Hausmittel erleben Comeback

Niemann sagt aber auch: «Manche Beschwerden bleiben oder verschlechtern sich. Irgendwann wollen die Leute sie dann doch dem Arzt zeigen.» Laut Niemann wird in den Praxen durch zeitliche und nach Möglichkeit auch räumliche Trennung dafür gesorgt, dass die empfohlenen Abstände eingehalten werden.

«Die Menschen sind nicht weniger krank», sagt Hänsch. Dass es in seiner Praxis so leer ist, erklärt er sich damit, dass Patienten sich mehr auf sich selbst besinnen und es zunächst mit Hausmitteln versuchen. «Ich glaube, die Leute kneifen die Zähne zusammen.» Ewig können die Patienten medizinische Probleme aber nicht aussitzen. Hänsch erwartet, dass in einiger Zeit der «Knoten platzt» und die Praxen wieder voll sind. «Es kann ja nicht sein, dass keiner mehr krank wird.» Nicht geführte Gespräche seien nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben. «Für niedergelassene Ärzte gibt es nach dem Corona-Ausnahmezustand wahrscheinlich mehr zu tun als vorher.»

Problematisch wäre es laut Hänsch, wenn Patienten medizinische Probleme nun verschleppten und am Ende im Spital landeten, wo Kapazitäten für Corona-Patienten benötigt würden.

Freiraum für den Ernstfall

Wie lange der Ausnahmezustand andauert, ist offen. «Der Höhepunkt der Corona-Welle wird laut der Kantonsärztin zwischen April und Mai erwartet», sagt Hänsch. Er rechnet zum jetzigen Zeitpunkt nicht damit, dass Praxen im Linthgebiet schliessen müssen. «Ich denke, die meisten können mit Unterstützung acht bis zwölf Wochen durchhalten, dann drohen Entlassungen.» Dass der Ausnahmezustand so lange dauert, erwartet Hänsch nicht.

Momentan herrsche Leerlauf, die vielen Kranken seien noch nicht da, sagt Niemann. «Wenn die Corona-Welle aber tatsächlich kommt, werden wir froh sein über die Freiräume in den Praxen und über die geschaffenen Strukturen wie das neue Entlastungszentrum in Jona.»

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